Paris! Jeder in der Familie erzählte Geschichten von "seinem Paris". Jede Generation hatte ihre Bilder im Kopf und alle überhäuften sie mich mit Empfehlungen, was ich unbedingt sehen müsste.
So war ich froh, nach einer stundenlangen Zugfahrt endlich alleine mit der neuen Kamera "mein Paris" entdecken zu können. Die ersten Schritte führten auf den Flohmarkt.
Ich stieg in das Gewirr in der Nähe der Porte St. Denis und gelangte in eine bizarre, verschobene Welt. Zeitreise oder Jahrmarkt? Ein Spiegel der Wiedergeburt von Alltäglichem.
Der Schatzwächter verbellte jeden, der vorbeiging. Je mehr er sich in seinen Zorn verbiss umso wehrloser verklemmte sich der Hund im scharfen Blech der Türe. Ein zorniger, hilfloser Augenblick.
Schicht über Schicht verkündet die Wand Botschaften, die wichtig scheinen. Einmal wird ein Forscher Plakat um Plakat sorgfältig ablösen und die Geschichte der Strasse, des Quartiers, der Stadt schreiben können.
Die Café Bar L'Esperance macht noch einen recht verlassenen Eindruck. Aber Abends werden die Wege unzähliger Leben an den Tresen führen. Die Bar wird zum Umschlagplatz unzähliger Geschichten.
Auch eine Espérance. Eine Hoffnung, die vielleicht länger besteht als das alte Bistrot. Aber in Paris weiss man nie genau, was eher demoliert wird, die Denkmäler oder die bar's au coin.
Mitten in der Metropole, wenige Meter vom brausenden Verkehr versucht der Fischer sein Glück. Ob er wirklich mit einem Fang rechnet? Oder ist er einer der letzten Philosophen, welcher der Welt Gelassenheit lehrt?
Die Metro, die alte Metro. Man muss sie rattern hören, die Vibrationen spüren. Zischend schieben die schweren Metallriegel die Türen zu, das Abfahrtssignal übertönt das Stimmengewirr. Der Metrogeruch ist unauslöschlich mit Erinnerungen verwoben.
Die kleinen Hinterhöfe. Man könnte achtlos an ihnen vorbeigehen und nur das majestätische Paris bewundern. Doch das wirkliche Leben und die unzähligen Alltags- Geschichten verstecken sich im Hinterhof, in den kleinen Ateliers.
Frivoles Paris? Jede Generation hat ihre eigenen Sehnsüchte und Vorstellungen davon, was sexy ist. Inzwischen ist aus dem oh la la der Cabarets ein routiniertes Business geworden, das wenig Raum zum Träumen lässt.
In vergessenen Winkeln sind sie noch zu finden, die alten Symbole des Lebens. Was einst noch als Komfort galt, besispielsweise fliessendes Wasser auf allen Etagen, ist längst malerisches Foto-Objekt geworden.
Müde und alt geworden stützen sich die Markthallen an den Nachbarhäusern. Nicht mehr lange und der ehemalige Bauch von Paris wird nur noch Erinnerung sein. Irma la Douce wurde pensioniert.
Auch das umliegende Quartier wurde umgekrempelt. Der Wechsel von dem lebendigen nächtlichen Handelsplatz für Lebensmittel und Genüsse aller Art zum schicken Zentrum moderner Prägung erfolgte in kürzester Zeit.
Etwas verwirrt streifte ich durch diese Landschaft der raschen Veränderung. Zwischen Baugruben und über provisorische Stege suchten sich die Pietons den Weg aus dem vieux Paris in die Neuzeit.
Die letzte der Hallen steht noch, aber sie steht am Abgrund. Verblüfft war ich über die Weite und die Tiefe der Baugrube, in welche das neue Forum des Halles und die wichtigst Metrolinien eingepasst werden sollen.
Auch wenn man schmackhaft machen wollte, es werde nur umgebaut und modernisiert, war die Meinung auf der Strasse doch mehrheitlich: man zerstört. Heute würde bestimmt sanfter mit der Vergangenheit umgegangen.
Der verwinkelte Hof stellt Fragen. Wo die vielen Eingänge wohl hinführen mögen? Was gibt es hinter dem schweren Metalltor zu behüten? Und wer stieg all die Treppen hoch, von denen nur noch die Umrisse zu erkennen sind?
Au pied de cochon, der Name weckt Erinnerungen. Seit 1946 sind die Kochherde nie kalt geworden, schreibt die stolze Geschäftsleitung auf www.pieddecochon.com. Tatsächlich, der "pilier de la vie nocturne" ist 24 Stunden und täglich geöffnet.
Luft holen im Bois de Vincennes. Nach der staubigen Baustelle der Halles, nach den lebendigen Boulevards ist ein Eintauchen in die grüne Oase eine echte Erholung. Unverwechselbar sind die grünen "bancs publiques".
Wasser - ein wichtiges Element in Paris. Brunnen und Wasserpumpen, Kanäle und natürlich der Fluss. Erstaunt hat mich die eigenartige Strassenreinigung mit Wasser, das Morgens am Rand der Strassen den zusammengekehrten Schmutz in die Kanalisation spült.
Ein Einzelgänger, das alte Haus. Stolz behauptet es sich in seiner Ecke und trotzt dem Abriss. Aber keine Angst, in Paris bleiben Baulücken nie lang leer, ständig erneuern sich die Zellen der Metropole.
Die kleinen, verästelten Gassen und Querverbindungen bilden ein feines Netz im alten Quartier. Die Orientierung in den kreuz und quer angeordneten Strassen hat seine Tücken. Glücklicherweise taucht immer im richtigen Moment eine Metrostation auf.
Die typischen Parkstühle. Hier warten sie - abgesehen von ein paar Ausreissern - auf das nächste Konzert, das nächste Fest oder ganz einfach auf müde Spaziergänger, denen Sie mit ein paar Augenblicke Hinsetzen eine willkomene Pause bieten.
Der Fluss, der Kulisse ist zu tausend Gedichten, Chansons, Filmen und Erinnerungen. Tagsüber verkehren Lastkähne. Die Nacht gehört den Touristenbooten, deren starke Scheinwerfer ein merkwürdiges Lichtspiel an die Ufer zaubern.
Unter der Brücke gestrandet, so heisst die letzte Station im Leben Gestrauchelter. Aber wenn schon obdachlos unter der Brücke leben, dann bitte hier an der Seine, nicht weit von der Notre Dame.
Durch den schweren, grossen Eisenring an den Uferbefestigungen der Seine wurden sperrige Taue gezogen und die Schiffe befestigt. Heute dient der alte Ring als Rahmen für ein eingekratztes "Viktor" eines Besuchers.
Die Marine ist bis ins Zentrum von Paris vorgestossen und erobert die Herzen der jungen Verehrerinnen. Fototermin im Park, ein Bild im Album wird an die einmalige Zeit erinnern.
Schade, wir sind etwas zu spät. Die Stühle sind bereits weggeräumt, das Orchester hat seine Instrumente weggepackt. Nur noch einige Blätter und vielleicht ein paar vergessene Noten warten auf die Besen der Strassenwischer.
Hinterhofgeschäfte. Gerade wird etwas eingeladen oder ausgeladen. Kommt die Ware vom Flohmarkt, wird aufpoliert und teuer verkauft oder wird sie zum Flohmarkt geschafft und verhökert? Wer will das schon genau wissen?
Treppen, ewige Treppen. Ich bin mir beinahe sicher, Paris ist die Stadt mit den meisten Treppenstufen. Jedenfalls bin ich nie so viel Treppen gestiegen, wie in Paris. Und nie ebenso vielen Treppengängern begegnet.
Die Metro überquert die Seine, eine der wenigen Orte im Zentrum, wo die alten, grünen Züge ans Tageslicht gelangen und den Metrogeruch vor sich her ins Freie treiben.
Eine leere Flasche Mineralwasser wartet auf die Strassenreinigung. Im runden Gebäude im Hintergrund wird Radio gemacht. Das eine hat aber nichts mit dem anderen zu tun.
Ich war zuerst hier, sagt das alte Haus vorwurfsvoll. Ich bin aber grösser als du und jünger, antwortet das Hochhaus. Der Wind streicht um beide und beugt nur die Bäume in seine Richtung.
Das Hotel du Ranelagh, alt, wackelig, verstaubt, war mein Hafen, mein Fixpunkt im Pariser Universum. Tagsüber unterwegs mit der Kamera verbrachte ich die Nächte mit Fremden und Freunden am Tresen der kleinen Bars, die das Herz von Paris sind.
Man weiss nie, wie das Wetter wird. Unterwegs mit solider Handtasche, Kopftuch und den Regenschirm eingehängt, so kann einem nichts passieren in Passy.
In der Station ist es ruhig geworden. Der Tunneleingang ist zugemauert. Die Linie ist aufgehoben, niemand wartet mehr auf den Bahnsteigen. Es gibt keine treffenderen Ausdruck von Einsamkeit in Paris, als eine stillgelegte Metrostation.
Roman von Peter Maibach, erschienen 2005 im Verlag Einfach Lesen Bern. Einzelne Kapitel im Roman handeln in diesen Kulissen der Metropole.